Im Novemberlicht

ταὐτὸ ζῶν καὶ τεθνηκὸς καὶ ἐγρηγορὸς καὶ καθεῦδον
καὶ νέον καὶ γηραιόν· τάδε γὰρ μεταπεσόντα ἐκεῖνά ἐστι
κἀκεῖνα πάλιν μεταπεσόντα ταῦτα. (Ἡράκλειτος)
„Es ist immer dasselbe, Lebendes wie Totes, Waches wie
Schlafendes, Junges wie Altes. Das eine schlägt um in
das andere, das andere wiederum schlägt in das eine um.“
(Übersetzung Gadamer)

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Wenn dieser Zug auf der Strecke bleibt, wird Nichts,
die Uhrwerke dann unbestimmt, kein Ticken, kein Stück.
Letzte Schleiereulen zischen, lösen sich auf in Lava.
Es geht eines im anderen auf. Objekte zerfließen,
ihre Schatten sind ohne Umriss, mehr wie ein Stöhnen
im Traum oder das Summen unbekannter Lieder.
Es ziehen noch Schlieren des Gefressenen vorbei,
grau und schön, einsam in ihrer Selbsteinigkeit,
unisono; dies Gemisch, das keine Teile hat.
Von der breiten Fläche allgemeiner Materie
stößt sich nichts ab, alles bleibt eingemeindet,
untereinander und miteinander vermengt.

Ohn’ Ringelnatz

Am grünen Steinwall kurz nach Mitternacht,
wo runde, ungesunde Bögen angespannt
und mutlos um ihr Unverständnis bangen,
sitz’ ich mit meinem Ungemach: den Pokémons,
dem Unterwassermann und tausend Leiden.
Als hätte sich ein Dichter hier was ausgedacht,
als wäre ich im Kopf längst weggerannt,
als könnte mich ja keiner fangen.
Na, und sonst?
So manches mal bleibt eben nichts als Bleiben.

Postillion

Ich stolpere über frischgeteerte Wege
zum stets von dir verlassenen Haus,
erkennbar bleibt der Abdruck in der Leere.
Die Gärten, die ich sehe, beben, und ich rede
zu ihnen hin in Worten aus Asphalt, halt so Metaphern,
hart in sich gestaucht – erledigt, ausgelaugt und alt.
Als hingemalte Tonkulisse nun Gitarrenklänge,
aus dem Tattoo-Geschäft dringt Abenteuerlust,
ein Duft von Zigarettenrauch, auf nackter Frauenhaut
blühn passioniert so tintenblaue Blumenstängel.
Wer trägt denn heut noch Briefe dumm herum, und wirft
sie dann durch blinde Schlitze stummer Wohnungstüren?
Sorgsam gefaltet liegen Seiten im Kuvert,
die dummen Wörter sind darin versteckt und eingesperrt,
die Silben, Stotterblumen, Endmoränen, Trost
liegt schwer im Mund: ein Wort aus rotem Mantelstoff
wie eine Hoffnung, die am Ende runterfloss,
und warmer Regen spritzt am Ende des Azorenhochs.

Ein Schuss

 

Was ist das für eine Nacht.

Nirgends wird mehr gefeiert,

Barschaften geschlossen,

die Läden längst zu:

–  „Ist da noch wer?“ –

Was für eine Nacht und nirgends

wird mehr gefeiert, wird – “ … noch

wer da? Ist da noch eine Bar?“ –

Eine Nacht. Ein Schuss. Ein Schaft.

Eine Nachtbarschaft.

Längst geschlossen, die Läden.

Längst zu, die Nacht von Samstag.

Längst aus. Verraucht und Verpufft.

Also ganz ohne Bar nach Haus.

Zum Schlafen. Und morgen?

Ja, lasset uns ruhen, zunächst,

und später zum Tatort beten.

Vielleicht ist wieder diese Bar im Bild,

in der sehr spät noch eine Kommissarin

betrunken und einsam hockt;

oder zwei, oder drei ihrer Zunft.

Wo bis zum Morgen kein

Blut fließen wird, nur kühles Bier.

 

Mein Verschütten

Was ist, war und wird.

Blicke, über Ränder, überraschend.

 

Auf den Tellern dreht sich der Ohrenschmaus,

die Nüsse im Schälchen vibrieren zum Jazz.

Dies gläserne Spiel beginnt meist unbemerkt

mit einem Zittern des Ellenbogens, den

die Gesellschaft ganz falsch für sich usw.

Etwas kippt sanft, ungehalten, wie im Flug.

Denn die Pfützen am Boden  d a z w i s c h e n

(scil. den Barhockern, Barhockenden)

könnten aus Salz sein, wenn es sich nicht verböte

aus plötzlicher Neigung zu weinen.

 

 

„Exploxionslicht durchschimmert die Brust“ *

Für Isabella

Und ich denke dran, wie schön du immer warst. Eine Prinzessin, Krankenschwester, kleine Schwester auf der F(a)ehre 6 ins Nirgendwo. Oder halt ins Kaffee Burger, also ins Nirgendwo. An den Theken dieser Stadt, wo du erzählst, und immer ohne Punkt, denn am Ende geht deine Stimme hoch in Sätzen wie Raupen, die sich dem Himmel entgegenstrecken. Gefühlte Geschichten.

… Wie also der reiche Mann auf Ibiza das Geld in großen Scheinen bündelweise aus dem Hotelfenster wirft, und die Mädchen beim Fotografen im Whirlpool sitzen, und der zweibeinige Tisch vom Trödel auf deinem Teppich aufsetzt, und jemand vergiftet wird, und jemand sein Studium über Bord schmeißt, und jemand von einem Hochhaus springt und von einem Modellflugzeug aufgefangen wird …

Und es war nie klar, ob all diese Dinge wirklich passiert sind, oder ob du sie in deinen gesungenen Sätzen hast passieren lassen, und es war mir nie klar, ob das relevant ist. Wo der Unterschied liegt.

 

* Die Titelzeile stammt aus dem Gedicht „Weltende“ von Isabella Vogel

Verwählt

Es ist doch eigentlich, sag ich, gar nicht schlecht

hier zu stehen, den Staubsaugerschlauch um die Hüften

geschlungen, auf der Straße brüllt ein Kalb im Kadaver,

der Teppich flust, alles nur Flausen, Flausen, ganz kurz

dies Innehalten beim Drunterkehren. Derweil

die Sonne, hat sich zwischen Antenne und Dachkammer,

Wolke und Venus einen winzigen Januarspalt

erobert, und bläst ihren lächerlichen Strahl als

Theaterscheinwerfer auf kleinste feinste Härchen, die den

Nasenrücken säumen, nur sichtbar der Schielenden…

Gar nicht so schlecht, hier zu hocken und mit Ihnen

zu telefonieren! Nach Bad Kissingen. Über gar nichts.

Venus von Milo

Am Ende sah ich dich – und dir durchs Haar fuhr

mir die Hand, sind Kopf an Kopf gerannt,

doch gleich wieder zerrann, du heilig Hur,

dein Eindruck mir, nun weiß ich dich nicht mehr…

Wie zwicktest du den Innermensch in mir!

Ich sollte dich bewahren, hätt es sollen,

die Hand auf deinem Kopf, versteinert für

die Ewigkeit in deiner herrlichen Statur.

Wat mach ich nur.

 

 

 

Der Unterschied zwischen einem Hammer und einem Nachbarn

Nachts, wenn die Sterne vom Himmel fallen, und du ganz close to me

auf der präzise abgeteilten Welthälfte des Bettes rhythmisch schnarchst

und dabei die Vögel verpasst, die urplötzlich auftauchen mit der Musik,

die wie hingezimmert wimmert, nachts, wenn die andere Menschheit

arbeitet und joggt und Tetris spielt, ich meine nicht die Garps oder Forrest

Gumps oder sonstigen Schlafneurotiker, sondern etwa die Australier, dann

kann ich manchmal keinen Unterschied mehr feststellen zwischen mir

und dem Rest der Welt, zwischen einer Note und einem Stein, dann

liebe ich mich so sehr in Rage, dass an Schlaf nur noch zu dichten ist.