Ihr gehört mir (Stunde der Mörder 3)

Diese Stadt ist voller Schmerzen aus tausend Augen
starrt sie doch ihr Glas ist angstbeschlagen in ihren
Rinnen fließen Bäche der Beschämung wie lange
fleht sie schon darum zu sterben doch diese Stadt muss
leben solange ich es will sie ist mein Schmerz sie ist
meine schlimmen Träume ihre Mauern sind geborsten sie
erstickt an toten Schloten ihre schwarzen Backsteindome
sind mit Stahlskeletten zugesargt ich gehe durch den Stadtpark
Männer kriechen aus Kanälen der Stolz dieser Stadt ist gebrochen
das Rathaus gehört mir ihr alle gehört mir ich habe keine Freude
an euren Tränen euren Schmerzen eurer Angst und Beschämung
ich trinke sie um ich zu sein

Ich ersticke (Stunde der Mörder 2)

Ich kann mich nicht immer verstellen ich ersticke bin
nur ein qualmender Faden an manchen Tagen nur ein
Klumpen glimmender Träume hinter steinerner Haut dann
muss ich mich zeigen einer Frau einem Mädchen ich
suche sie sorgsam trotz bebender Eile wie meine Mutter
meine Schwestern waren so bockig so biegsam muss sie
sein ich bringe sie heim ich beichte ihr ich zeige mich ihr ich
fühle mich wieder ich kann atmen fast lachen ich ersticke sie

Immer Lucy (Stunde der Mörder 1)

Wie früher gehe ich durch fremde Städte die Sonne scheint das
asiatische Mädchen lächelt in meinem Kopf balanciere ich
die Verse zu ihr nach Hause ein Hinterhofhotel ich bin
zu alt für dich sage ich du Tiger du stark sagt Lucy ich
glaube ihr nicht mal ihren Namen ich will sie von hinten dann
kann ich auf ihren Rücken schreiben während ich in ihr bin sie
lächelt ihre Zähne schimmern als sie sich um meine Fingerkuppe
schließen das Blut spritzt auf ihren büttenbraunen Rücken stoßweise
so habe ich immer am liebsten geschrieben nur leider meist
vergessen ihre Hinterseite abzulichten die noch klebrigen Verse
auf ihren Schulterblättern bevor Lucy unter die Dusche geht

weimar

weimar  drängten kalkstein und mergel in die stadt öffneten sich klüfte und schlossen sich wieder um sich erneut zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber bist du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter siehst du erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend war der asphalt weich flüssig wie boden wie moor schwammen die autos zähltest du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauten fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bliebst du stehen und drehtest dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgten den stimmen die dich riefen von der anderen straßenseite metallisch klang die nacht unter dem hundsstern tropften die perseiden auf dein kleid

du stands barfuß auf dem kopfsteinpflaster lagen deine nicht ausgesprochenen wünsche

an der kirchturmuhr war ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hing über der stadt

im geträumten leben war ich wach

wortschaften wohnen mit buchbaumhecken um die häuser

wir nähern uns norden

für Rebecca Zinke

liegt dein gesicht zwischen zwei monden
zerfließt schnee
waren die konturen deiner augen
einmal licht einmal nacht
ein anderes mal

trafen wir uns auf altem kristallin
langsam fangen die falten an
meine geschichte zu erzählen

granatglimmerschiefer faltengebirge
aus knotenschiefern
baute ich das dach eines hauses

im mittagslicht schimmert cordierit
cordieritblau beugt sich der himmel
über das dorf
in seiner unwissenheit wirkt er einsam
allein ein eremit
unter den einzelgängern der bergdohlen
gleicht deine stimme dem knistern in eis
wir nähern uns norden

keine(r) da

keine da, keiner war,
nur ich, der mir glich.
jede liebt, jeder lebt,
doch ich nicht

„not for me“

nur noch ich, der liebte,
blieb allein und schrieb,
was ich sagte wie beklagte,
was mir schien, wie einst in wien

„not for me“

freud’ auf deiner couch,
statt dass mich knautscht
und darauf knutschte,
wo ich verpfuschte

„not for me“

liebe lang und unverwandt,
im traum und raum verlangt,
fällt mir leicht und nicht mehr schwer,
denn ich komm’ vom leiden her

„not for me“

wie wird das enden, aus den händen?
sand aus der zerbroch’nen uhr,
im glas noch allererster schwur,
dass ich werd’s anders wenden

„not for me“

keine(r) da, die mitempfände,
was mir fehlt und meinem mangel,
was ich schrieb an alle wände
meiner zelle und im wandel

„not for me“



(hannover: 170430, kiel: 170512)

gesang eins

auf einmal wurde die landschaft hügelig
buckelwale duckten ihre rücken im gras
alle halme bewegten sich im gleichklang
die musik musste von fern kommen
hinter dem gebirge wechselte der himmel seine farben
Sirin sang
von der küstenebene drang kriegsgeschrei
die wale verharrten im abendlicht
dass ihre körper aussahen wie gebrannter ton
selbst der himmel erinnerte an irdenes
steinzeug
ich lief schneller
auf einmal hörte ich ein schnauben und toben
die buckelwale richteten sich auf
flohen hinaus in die dunkelheit der nahenden nacht
Sirin sang weiter
das kriegsgeschrei näherte sich
entfernte sich wieder
und verstummte im letzten ton des lieds

dann hörte ich nur noch deinen atem

anderland 15

sonettes unverstand

hallo, ihr leser, ich bin ein sonett.
mein dichter sagt, ich sei die „seine“ form
und damit sei „seit damals“, was ihn rett’t
ins hinten – ehedem – statt in das vorn.

allein, was ich gesagt, sich nicht erschließt
beim lesen meiner verse ins gehör.
dahin hinaus mein alzgeheimnis schießt
und reimt, doch schwört darauf nicht, dass ich schwör’.

ich bin also ein bisschen immer lüge
im vorerst unverstand’nen einverstand.
ich breite dennoch meiner federn flügel,

auf dass mein dichter mich noch einmal lese
und korrigierte meiner küsten land
auf seiner karte, über der er schwebte.



anderland 14

boğaz

wir standen am ufer des bosporus
und blickten hinüber
in das gespiegelte land
dort aßen sie honig und tranken galle
leoparden säumten das ufer
autos hupten und Şirin winkte
einem albatros nach
der schatten seines flügels
streifte ihr gesicht
das wasser sang
und in den wellen verhallten
schüsse aus einem fernen gebirge

Grünblaue Zelte

In mir werden, an bekannter Stelle, grünblaue Zelte aufgeschlagen sein, weit und groß, als liege ein Pferd drunter. Ich kenne das Licht noch nicht, bei dem Du arbeiten wirst. Ist es hell und kalt? Von einem sanften und nachdenklichen Grau? Oder nimmst Du das blaue Licht zur Hand, das ich immer am Horizont gesehen habe? Vielleicht auch ein annähernd abendliches Licht, damit die Wimpern des großen Pferdes unter den Zelten nicht zu zucken beginnen.

Auch wenn ich dann schon lange kein Herz mehr haben sollte, wird etwas in mir klopfen. Sehr schnell. Das Pferd unter den Decken galoppiert noch und muss erst, Huf für Huf, eingefangen werden.

Ich weiß nichts vom Prozess der Galvanisierung. Rostreinigungsmechanismen kenne ich nicht. Es ist mir unbekannt, wie man Silber putzt oder Metall-Legierungen herstellt. Und in der Stahlveredelung kenne ich mich nicht aus. Wie sollte ich dann ahnen können, was Du mit mir vorhast, bevor ich Dich arbeiten sehen darf.

Den Materialverlust fürchte ich nicht. Und wenn es Liter des Überflüssigen wären, die entnommen würden, und wenn Meter um Meter oxidierte Materie zu entfernen wäre – nicht ein Tausendstel davon würde ich vermissen. Der Zustand postoperativ? Ich weiß nichts darüber. Die Fraktale auf der Herzoberfläche, die sich unaufhörlich ineinander schieben, verraten wenig. An ihren Spitzen aber haben sie die Form von Flammen.