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Sissy de Leu - 20. Dezember 2014 20:35 Uhr

Let it rain

Sie brachten uns weg
in die Weite Chinas
& den ganzen Weg über
war es dunkel
Legt euch
sagten sie
Macht es einmal richtig
& legt euch auf die Seite
die Wirbel hier
an den Bordstein
ans Moos
Rührt euch nicht
& überlegt euch
Tätigkeiten
aus dem Haushalt
Ihr müsst sie
aufzählen können
ohne zu denken
wenn wir euch fragen

Einige wurden erschossen
in Nadelwälder geduckt
So lange flogen die Bomber
über sie hinweg
bis aus den Kiefern
Streichhölzer wurden
& die Kleider stoben
Legt euch
& wartet auf die Babys
Ich versteckte
Notizbuch & Zigaretten
& versuchte zu sein
wie alle anderen

Als ich den Kopf drehte
sah ich das Neugeborene
zwischen zwei Körpern
am Straßenrand
mit rotem Gesicht
lautlos schreiend
& dann regnete es
es regnete Säuglinge
aus dem weitesten
schwärzesten Himmel
fiel alle Momente
ein kleiner Körper
auf uns herab

Wir streckten die Arme
reckten die Hände
& wussten doch
wir wussten
& wussten
dass es niemals
gelingen konnte
sämtliche Babys
aus der Weite
des Himmels
zu reißen

(Für H.)

Kommentar (21.12.14 0:29) lesen

 

Andreas G÷▀ling - 10. Dezember 2014 10:05 Uhr

Wahrheit über Menschenfresser

Der Menschenfresser liebt das Fleisch der Kokosnuss
mit geraspeltem Kakao dein Hirn schlürft er durch den
Dreiecksspalt in der Schädelschale den roten Frosch
zieht er zwischen deinen Rippen hervor achtsam rollt er
deine Hoden durch den Rachen er heiligt seine Feinde deine
Trinitas nimmt er in sich auf Besitz ergreifst du von ihm du
zernagst ihn von innen du bist der Menschenfresser

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Julia Trompeter - 1. Dezember 2014 8:58 Uhr

Paradies

Wenn sich seine Augen manchmal aufklappen
sperrangelweit, und der Horizont in sie kippt
denn wie sollte die Ferne sonst zu ihm hingelangen
dann sehe ich gerne hinein, und es bestätigen sich
ungeahnte Theorien von schwarzen Löchern
achtsam geschmeckten Rosinen oder einfach
Pupillen, die er mit seinem Apfel herum rollt
in den ich beißen würde, wenn ich könnte
und alle Fehler einfach wiederholen, ganz egal
Wenn ich das kleine Haus wäre, dort in der Ferne
an dem sein Blick sich lautlos verfängt
und sowieso würde ich vorschlagen
das Meckern der Schlange zu ignorieren

Kommentar (21.12.14 0:30) lesen

 

Andreas G÷▀ling - 26. November 2014 10:11 Uhr

Glaubst du

Zieht mich aus bis auf die Knochen lasst mir
nur die Socken an die mit dem Raubtierlabel
damit ich besser rennen kann wenn sie
kommen wenn sie kommen

Glaubst du es war ein Traum
nur ein Traum?

Hast du hell gelebt geht es schwebeleicht
hinaus dafür brauchst du keine Socken auch
die Knochen lässt du krick-krack zurück

Aber so wie ich so wie ich?

Es war ein Blick im wachen Schlaf ein Blick
nach innen nicht ins Ich in Trichtertiefe in den
Darm der Schöpfung durch Gottes Arschloch sein
Schließmuskel weit geöffnet gut sichtbar viel zu
strahlend klar wie gerne hätt ichs nicht gesehen
die kosmische Kloake

Ein Traum nur ein Traum?

Zieht mich aus bis auf die Knochen reißt mir
auch die Socken runter die mit dem Raubtierlabel

Kommentar (26.11.14 10:14) lesen

 

Andreas G÷▀ling - 25. November 2014 15:44 Uhr

Glaubst du


Glaubst-du

Kommentar (25.11.14 15:51) lesen

 

Werner Weimar-Mazur - 23. November 2014 14:45 Uhr

ozeanisierung

abgeebbt die letzten schwingungen
des urknalls aus seinem echo
klingen gedichte
bewegungen der kontinente
ihr versmaß
im auflaufenden ton
eines insektenflügels stimmen
eine gottesanbeterin anubis
der sonnengott selbst in seinem brennenden wagen
legen chiffren in ein boot aus papyrus

bücherverbrennungen
menschenopfer

azurfalter brechen ihr schweigen
haut reißt auf und driftet
als wären schelfränder keine narben

land unter
maulbeerbäume getaucht
und seidenraupen in gedichte
getragen

gestern zogen nomaden durch
die cafés unserer stadt

die tram hielt nicht
am warschauer platz

die liebenden von der weichsel
brücke pflanzen schon seit tagen
digitalis

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Markus Stegmann - 20. November 2014 22:56 Uhr

Frass

Ich möchte Menschen fressen.
Warum?
Weil ich lieber Menschen fresse, als selbst gefressen zu werden

Kommentar (21.11.14 9:32) lesen

 

Sophia Doms - 20. November 2014 7:52 Uhr

Über die Verteilung von Licht und Dunkelheit bei Nacht

Über die Verteilung von Licht und Dunkelheit bei Nacht nachzudenken,
gibt mir das unbestimmte Gefühl,
dass es bald
niemanden
mehr geben wird,
für den sich mein Nachdenken lohnt.

Spielhallen stehen im Glanze ihres Glückes.
Dunkelheit trocknet
wie Schweiß
in die Fabrik- und Lagerhallen.

Die Wälder, die Wälder!
Immer noch ein wenig schwärzer in der Erinnerung.

"Wann haben Sie die Wälder zuerst bei Nacht gesehen
und wie oft?"

Wöchentlich, als Kind, am Königsstuhl,
in den Bergen,
in denen die Nacht
manchmal
noch ein kleines Versteck für sich findet.

"Licht und Finsternis" -
Ihr vielleicht bester Text ...

Nicht meiner,
meiner nicht,
aber wie unerheblich,
wenn Sie mich schon darauf ansprechen,
dann antworte ich Ihnen auch gerne als der,
der ihn geschrieben hat.

Ist das nicht armselig,
da schreibt man und schreibt,
und am Ende ist es das Bisschen Manichäismus,
das bei den Leuten hängenbleibt.

Aber mir
geht es mir selbst denn anders?

Noch im fensterlosesten Raum
"noch im tiefesten Orkus" ,
gedenke ich
der unzähligen Autobahnnächte,
in denen ich war
im Licht und in der Finsternis
und mein Schatten sich
hin und wieder
ganz von mir abteilte
und über mich hinwegzog
und hinterher
schmerzhaft
wieder mit mir verwuchs.

Noch im fensterlosesten Raum
gedenke ich
der Nächte,
in denen ICH
nicht mehr sein werde
(oder die Welt).



Kommentar (4.12.14 10:39) lesen

 

Sissy de Leu - 18. November 2014 8:50 Uhr

Dichterkongress

Wenn alles vorbei ist
werde ich den Dichterkongress
im Hinterzimmer besuchen
Elfriede Jelinek verliest
mit getragener Stimme
& akkurat geschminktem Mund
düstere Austriazismen:
Tittn Tittn Tittn Tittn
Sechs vielleicht acht Zeilen lang
mit einem rundlichen Scherz am Schluss
der ein Schleifchen drunter macht

Aber jetzt ist erstmal:
Killerkommando
Was mich rettet:
Flach auf die Schindeln gepresst
dicht neben dem Giebel
auf dem Dach zu liegen
Von oben & unten her
nicht zu erkennen
Der Einzige
der mich sieht
ist der Herrgott

Nur den hats heute
auch zerrissen
als sie die Beutekunst
wegtrugen:
Christusbilder mit flaumigen Wolken
Teichgroße Karpfen
aus himmelhellem
Porzellan
Die die Augen rollen
über das Geschrei -

Sie fahren den Bebeuteten weg
Als einzigem Kind seiner alten Eltern
standen ihm alle Schätze zu
Mit rundem leeren Riesenmaul
heult er seinen Kummer heraus
Sprache hat er nicht
& denken tut er
wie es keiner versteht
Aber Tränen hat er
& schreien kann er
& tut es den ganzen Flur entlang
& als der Schleier der Nonnen
verweht ist
brüllt es noch immer
aus dem leergeräumten Raum

Anmeldungen zeitnah erbeten!

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Markus Stegmann - 14. November 2014 23:58 Uhr

Madagaskargrün

In Madagaskar verwalden
verwunschene Mirabellen
glashell grüne Augen
wessen Naturell
welche Naht
panzert pausierte Bakterien
oder Plantagen im Plankton
landen wir nach einer
Woche elektronisch
verfangen
dein Madagaskargrün
zieht mich
ins Gegenlicht
deines Gesichts

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Werner Weimar-Mazur - 9. November 2014 13:53 Uhr

lethe | mnemosyne

das dritte ist das zimmer meiner kindheit
stimmen wohnen darin
bleibt verschlüsselt die tür
wird das schloss zum zauberschloss
simsala und bim
steht mutter in der küche und kocht essen vor
für den nächsten tag

meine lieblingsfarbe ist das schweigen
wenn die nacht wieder ein raubtier war
und mich der morgen ohne lüge begrüßt
fädelst du worte auf eine kette
die du dem großen bären um den hals legst
hinter der tür putzt vater die schuhe
sieben meilen vor dem grab

im zweiten zimmer wohnt der sommer
nachts liest er bücher über den tag
spricht viel
vom schweigen
und wen er sah im ersten zimmer
schnee weiße tücher
auf allen möbeln

der stuhl und die tischplatte
tragen noch deine kratzer
aus dem gleichen holz ist mutters sarg
kirschbaum oder eberesche
ich konnte das nie unterscheiden
vater hat sie mit eigenen händen gesetzt
welchen tag haben wir heute

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Sophia Doms - 3. November 2014 9:58 Uhr

Die Gurken sind längst aus,
wie sehr Du Dich auch sputen magst
mit Deinem Einkaufswagen
als Schwager Chronos.

An der Erdbeerwand
öffnet sich schon lange kein Durchgang mehr in die Nebenstraße
(den gab es nie,
den hast Du Dir damals
als Kind
im schiefen Winkel unter der Neonröhre
einfach nur eingeredet).

Keine weiße Taube
fiiegt mehr aus dem Zylinder des Zauberers
im blütenreinen Verkäufer-Kittel.
Wer dächte noch an den Scheitel
den er sich täglich gezogen?

Alle Busse,
mit denen Du Dich von hier aus noch auf den Weg machen könntest,
landen an
in den DEFA-Kulissen
eines bunten elsäßischen Fachwerkdorfs nach Barther Vorlage
in Babelsberg.

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Sophia Doms - 2. November 2014 17:44 Uhr

Schneewittchen und das siebte Trinkpäckchen,
die Hexe mit der achten Häkelnadel,
das Kindermädchen im letzten Hemd
und die Braut ohne Brieftasche:

Bei der großen Abschlussfeier
mit null Kalorien,
im Landeanflug
auf die Flughafenmauer,
beim letzten Gang,
im vorletzten Sonnenschein
werden sie an denselben Galgen geknüpft,
in dieselbe Luftmasche.

Draußen drückt Nebel
dicht wie eine Augenbinde
auf alle sieben Hirnhäute
und Daddy Longlegs steppt souverän
in Sternenstaub
und Schottenkilt
aus Los Alamos.

Drinnen lauschst Du Dir
eine neue Arie
von den Zikaden ab
und lernst, bevor Du gehst,
noch gestaltlose Steine zu kloppen
wie Skatkarten
oder ein Pokerface
als Deko
auf Deinem Grab.



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Werner Weimar-Mazur - 1. November 2014 14:21 Uhr

Ísland 1976

seit die wale gegangen sind
schaufeln wir wasser
in den fjord
um die felsen zu stützen

in die schlucht
treibt der wind
stimmen und stockfisch
trocknet neben der kirche

du legst hand
auf ein land das sich spreizt
wie basalt
aus einem mittelatlantischen rücken

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Sissy de Leu - 26. Oktober 2014 19:33 Uhr

Dracula gibt auf

Er hat sich verpuppt
& schwebt leicht wie Äther
als graues Wespennest am Holz
Sein Blut verwandelt
in grünliche Milch
mit der er uns nährt
die auf uns regnet
die uns bedeckt
& in der wir uns winden:
Embryonen von Wuchs überzogen
in willkürlichen Zuckungen

Bewusstlos & blind
von dem zuckrigen Fließen
das in unsere Augen tränt
gleiten wir ineinander
& wieder entzwei
harren gutwillig
unserer Geschichte:
Die Organe gelöst
Herz Magen Gedärm
in nährstoffreichen
Gallert & Licht

Der Prinz hat den Wandel
fast vollzogen
Einsam & mit lackschwarzem Haar
rüstet er sich
für das Wesen der Jagd
& erkaufte Loyalität
Wir anderen aus demselben Wurf
schwingen im moosigen Widerschein
- der klebt wie eine
Kränkung im Raum

In wenig mehr als hundert Jahren
ist die Menschheit runderneuert
& bereit für einen neuen Vampir
Mehr als einen Vollzeitsauger
verträgt ein Erdzeitalter nicht
& der Prinz muss essen
Das sehen wir ein
& bis er Blut verdauen kann
senkt er seine Hungerhaken
tief in unsere mürben Hüllen
hält er sich schadlos an uns

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Andreas G÷▀ling - 24. Oktober 2014 23:27 Uhr

Zum Glück

Wenn es mit mir soweit
gekommen ist dass ich
keine fremde Hand
auf meiner Haut
fühlen will

Ich in Ithaka du in Dudersdorf
wie geht das zusammen

auf meiner Haut
haben will

Ich Ikarus du Dummy
nie kann das gehen

auf meiner Haut
ertragen kann

Mach ich Beauty-Tuning fürs Gehirn
denk mir alles schön

Ich Ichologe du Dublette
zu mir oder zu mir

Wellness für die Zirbeldrüse
schütt mich zu mit Glück

auf meiner Haut

Kommentar (26.10.14 8:57) lesen