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Karla Reimert - 5. Februar 2010 11:41 Uhr
Der richtige Standpunkt für den Asakusa Tempel, Tokyo
Dreimal habe ich mein Videokamerastativ aufgebaut und wieder abgebaut, bevor ich den richtigen Standpunkt gefunden hatte. Einen, der es mir erlaubte, die Rituale und Gebräuche im Asakusa-Tempel richtig aufs Bild zu bannen.
Zuerst versuchte ich es am Eingang unter dem großen Tempeltor. Ich zoomte auf die belebte Fußgängerzone vor dem Tempel, auf der Händler alle möglichen Souvenirs und Nahrungsmittel feilbieten in dem Versuch herauszufinden, wo der Übergang zwischen dem profanen Gewerbetreiben vor dem Tempel und die Heiligkeit des Tempels nun genau stattfand. Ich dachte, diese Passage müsse in einer Veränderung von Haltung und Aufmerksamkeit der an mir vorübereilenden Gläubigen leicht festzustellen sein.
Ich zoomte rein und raus, aber auf dem Bild war nichts zu sehen als Leute, die Dinge kaufen und dann weitergehen, um zu beten.
Ich stellte meine Kamera auf die Stufen des Tempels und zoomte an die Feuerstelle im Eingang heran. Viele Gläubige kamen und gingen. Ich hielt genau auf ihre Hände drauf und sah auf dem kleinen Bildschirm, wie sie rote und schwarze Räucherstäbchen in einen mit Sand gefüllten Kessel steckten und sich aufsteigenden Rauch in die Kleider fächelten. Im Prinzip ein guter Ort. Mit einer drei Millimeter nach links gerichteten Drehung meiner Kamera sah ich, wie sie Schöpfkellen mit Wasser aus einem heiligen Brunnen füllten und daraus tranken. Ich drehte die Kamera um und filmte die Gläubigen, wie sie ihre Hände zusammenfalteten und vor der Statue eines Gottes Gebete murmelten. Irgendwie wollte sich dennoch aus Rauch, Wasser, gefalteten Händen und Gemurmel kein Bild davon ergeben, was denn nun die Essenz dieses Ortes ausmachte, so schaltete ich die Kamera wieder aus, baute das Stativ ab und an anderer Stelle wieder auf.
Natürlich ist nichts schwerer zu filmen wie eine fremde Religion, das weiß ich schon, aber ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben, eine Hoffnung, die sich irgendwann so anfühlte wie Wut. An diesem Nachmittag verfilmte ich so viel Material, dass ich keinen Film mehr fand, als ich einige Stunden später die Nihon Budokan Arena besuchte. Für die dort abgehaltene Kendo Stunde musste ich ärgerlicherweise über meine Fehlversuche aus dem Asakusa-Tempel drüberfilmen. Ich filmte einen fünfjährigen Jungen, der mit weit in den Nacken gelegtem Kopf durch die riesige Arena tanzte. Er hielt sein Kendoschwert in den Händen und drehte sich unermüdlich um sich selbst, als sei er ein kleiner Kreisel. Wenn wir nun von den Rotationsgeschwindigkeiten der Gebete sprechen, ihren Auswirkungen auf die Rotationen unseres Planeten, so werde ich immer an diesen Kendo-Krieger denken.
Natürlich kann ich das im Film nicht verwenden, weil die Bilder qualitativ nicht gleichwertig mit einmal belichtetem Material sind.
Auch wäre der Schnitt von der Atmosphäre eines Tempels zu der einer Kampfsportarena zu gewaltig, um ihn in einem Reisevideo unterbringen zu können.
Aber mein Kopf ist viel besser als eine Kamera und so belichte ich die Geschichte einfach in gleicher Qualität doppelt, lege gute Musik unter, und schiebe ganz langsam den Jungen aus der Nihon Budokan Arena in den Asakusatempel hinüber, wo er neben dem Räucherbecken und dem heiligen Brunnen für immer im Kreis tanz wie unsere Erde.
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