Frauenabend

Er vermutet schon lange, dass zum ideellen Vermögen der weiblichen Weltbevölkerung (ihren materielle Besitz kann man vernachlässigen) der Abend gehört. Frauen ziehen sich grundsätzlich in den Abend zurück. Der Abend hat lange weiße Arme, was gut zu den Frauen passt.
Weißarmige Abende sind für ihn immer Marienabende, eine lange Litanei, eine Gebetskette, die sich treppauf und treppab zieht. Eine Regel, die noch von früher her gilt: Er darf länger aufbleiben, wenn er dieser Kette folgt, im Mai vor allem oder im Oktober. In den Taschen mancher Betenden sind Lavendelsäckchen verborgen. Und im Taschentuch manchmal eine Spur Kölnisch Wasser, bei dessen Geruch er sich heute fühlt wie ein Forscher, der gerade ein letztes Exemplar eines ausgestorbenen, seltenen Vogel aufgescheucht hat.
Irgendwo, im Halbdunkeln, sind die Frauen zur Abendzeit wohl zu finden. Dann flattern ihre hochhackigen Schritte wie früher die Nachtfalter, die in den weißgesichtigen Vorgängern der Natriumdampflampen gefangen waren. Und er geht gebeugten Schrittes hinter ihnen her, weil er sie um den Besitz des Abends beneidet.

Jagd

Für dich jäte ich das seltene
Brot aus den Furchen der Riesin
Mit schwingenden Brüsten
Jagt sie mich aber sieh doch
Ihr Scheitel spaltet den Himmel
Vögel Flieger Engel stürzen
Auf sie ein gespickt mit
Flügelspitzen bricht sie in die
Knie ich eile heim das seltene
Brot mit dir zu teilen unsere
Liebste lüsterne Leckerei

gesang sieben

legten sich landschaften über die schönheit
wie stimmen über das gras
und staunende nebelbänke in den wald
floh eine kuckuckslichtnelke
deinen namen auf den lippen
kuckucksknabenkraut
trugen gebirge schwere auf deinen mund
legte sich ein murmelndes und trauriges meer
sprachst du mit den scheuen füchsen
und botest gesänge zum tausch gegen schatten

ein mammut überlebte
im permafrost wurde es besungen
bis in unsere zeit
eiskalt
kamen in zottigen gewändern
dichter und großwildjäger
in die bärlappwälder flohen die fasane
die automobile vom nahen golfplatz
erlaubten einen geordneten rückzug
ergriffen uns staubwolken aus pastell
schnitzten wir gedankengänge und gesänge
stiegen aus flatternden flüssen
erinnerungen

plötzlich war es wieder da
dieses gefühl der verlorenheit und ohnmacht
über das delta und die alte kaiserstadt
zogen libellenschwärme
in ihren leibern saßen reiter mit maschinengewehren
voraus gegangen war eine entlaubungsaktion
der wald hatte seine gedichte für immer verloren

Jenseits der Tage

kein Koffer mehr für mich allein

kein Platz unter den Lampions
beim Sommerfest
der Brüder und Schwestern

verloren die Lichtjahre zwischen den Galaxien

das Zittern von Mozarts Taktstock
im Ballon über dem bunten Gestein der Wüste
hat sich gelegt

niemand, der die Tür vor oder hinter mir schließt

dass ich nur wiederfände
am Eingang des Abgrunds
den Geschmack von Brot und Wein

Du bist frei

Kein Engel birgt dich unter seinen Schwingen
An keines Gottes Seite wirst du sitzen
In keine Hölle jemals stürzen
Du bist frei

Ein Affe mit Feuerwaffe
Hättest dir längst den Kopf zerschossen
Ohne den Wahn dass einer mit Flügeln
Dich trüge aus dir heraus

Stare auf dem Zug nach Süden
Machen Rast in deiner Allee
Überziehen die Stämme mit Stukkaturen
Metaphern für nichts

Heimat Traum

Der bucklige Marktplatz von Fachwerk umstellt
Fenster vernagelt Fassaden poliert und saniert
Männer in knielangen Lumpenmänteln
Stehen am Feuer aus Dornbuschästen und Resten
Der von Tritten zertrümmerten Bank
Die steinernen Beine liegen nahebei
Untauglich zum Verfeuern gut genug
Dir den Kopf einzuschlagen wenn du
Noch lange bei der Eiche stehst und starrst
Ihre Bärte verklebt von Rotz und Fusel
Hände fuchteln Funken sprühen ihre
Stimmbänder knarren kein Wort zu verstehen
Im Schweigen des dreihundert Jahre alten Baums
Seine schüttere Krone grau von Mottenbefall
Der Brunnen an seiner Seite seit langem versiegt
Vom Grund schimmern dir Knochen entgegen
Unter rotem Laub ein Plastikskelett aus Vietnam
Die Eiche trägt einen Sprengstoffgürtel du stehst
In Habacht vor dem Stamm die Dioden blinken
Go Wotan go

Nachts am Narrenturm

Irgendwo dahinten …

dort, wo Du früher den Bauzaun gesehen hast und die Brennnesselbrache,
dort, wo die Hühnerkäfige standen, die oft auch sehnige Hasen beherbergt haben,
dort, wo die narrischen Kastanibäume sind, genau wie Du es schon früher prophetisch vorhergeschrieben hast,
dort, wo Dein Kurzzeitgedächtnis das Spielwarensortiment, das Du in der Buchhandlung am Eingang gesehen hast, längst schon wieder vergessen hätte,
dort, wo – auch im Dunkeln – noch die allgemeine Hausordnung gilt,
dort, wo die Fahrradfahrer die Nachtfalter nicht sehen können,
dort, wo kein Fiakerpferd mehr den Duft seiner Rossäpfel hinterlässt,

irgendwo dahinten steht er noch immer, der runde Turm, nur ist er in der Nacht urplötzlich, nur ist er in der Nacht klammheimlich quadratisch geworden.

fuga à due voces

oh ja, ich sang dir meinen kontrapu[ck/nk]t
in den schlitz, in das sehnen.
zweistimmig war ich, im kontradickt,
ich schrieb es in fut und fuga.



und sahest du mich so singen,
du hättest mich nicht ge- und erhört.
du bliebest im schweigen, das weib,
das mir die wäsche wäscht, gut’s mir zu tun.

das mir das mitternachtsmahl gekocht,
allein, du schwiegest weise all meinen
worten, denn die lassen sich nicht
braten im kreis einer pfanne,

wo jetzt das ei-gewusst des schweines
denaturiert oder der kühe,
die ihr haupt senken den schlächtern
wie ich dir hin.

oh ja, ich sang dir vom grabe,
vom balde das tröstende lied.
und wenn nicht, doch dann von den fenstern
den öffnenden klick.

(170907)