47° 42′ 52″ N, 13° 36′ 48″ O / 48° 19′ 26″ N, 14° 15′ 30″ O

Die Schmerzen hält er dir hinter dem Berg

er steigt und steigt
hinauf in die äußerste Bitternis

du läufst ihm
bergab entgegen
wie ein junges Kalb
das noch einmal davon gekommen ist

bevor du dich
vor Freude
überschlägst …

bevor du mitten
im saftigen Frühjahr
im Schoße der Erde landest
unter den geschmiedeten Kreuzen …

darfst Du, vielleicht,
noch einmal den Pinsel führen

und vorwärts schreiben
woran du jetzt
rückwärts vorbeigehst

Haus für Haus
und Tafel für Tafel

und du ermalst dir den Traum
am Ende umkehren zu dürfen

imagine there’s no heaven

john lennon lebt jetzt in kaskaskia / illinois
unter anderem namen
die nachbarn sagen
hey weißt du
dass du aussiehst wie john lennon
johns große liebe ist sein garten
und über dem offenen kamin
hängt eine fahne der reds
imagine there’s no heaven
einmal im monat fahren john & yoko
die jetzt jane heißt
zum einkaufen nach vandalia
und einmal im jahr
trifft sich john
mit seinen alten freunden
und dann hören sie alte platten
von john lee hooker bb king und chuck berry
von zeit zu zeit holt john seine gitarre vor
oder er setzt sich ans klavier
und schreibt ein lied
black hawk seine letzte komposition
soll die neue b-seite werden
vom reload der platte
woman is the nigger of the world
seit einiger zeit lernen john & yoko spanisch
kann gut sein dass sie weiterziehen
nach kuba oder cochabamba / bolivia

Die Blätter und das Alphabet

Es war ein Frühlingstag, als sie erkannte, dass man sie betrogen hatte – sie und auch ihr Kind und alle Kinder, die mit ihm zusammen aufwuchsen.
Es wurde ihr am selben Frühlingstag klar, an dem sie auch realisierte, dass der Frühling sie nicht willkommen hieß. In einem kleinen Park zu wandeln, in dem die Blätter noch ganz frisch waren, unter diesem speziellen Grün der Blätter zu gehen, das kein Gelb und auch noch kein sattes Grün war, das war ihr nicht gestattet. Jeder Baum war ein verbotener Baum. Und verboten war nicht etwa der Verzehr seiner Früchte, sondern das bloße Unterqueren seiner Kronen. Gott hatte sich nicht für sie so viel Mühe mit dem Baum gegeben (und im Übrigen auch für keinen anderen Vertreter der Menschheit, mit all seinen Feinstaub- und Methanausdünstungen). Dieses aufdringliche Rufen und Bewundern ging ihm ganz offensichtlich schon lange auf die Nerven. Und dieses Frühjahr hatte er besonders deutliche Signalfarben gewählt, die ihr sagten: „Halte Dich da fern, das geht Dich nichts an! Das hier hast Du aus der Nähe gar nicht zu betrachten!“ Später, wenn das Grün dann längst um einige Nuancen dunkler und damit profaniert sein würde, dann war jeder Voyeurismus erlaubt. Aber keinesfalls jetzt.
Sich um den Frühling betrogen zu fühlen wagte sie nicht. Sie war ein Freund klarer Verbote und einfacher Botschaften, egal ob die von ganz unten oder ganz oben kamen. Aber ein anderer Betrug war zu ahnden, hier, heute und für alle Zeit: Man hatte sie gelehrt, dass es fünf Vokale gebe, das A, das E, das I, das O und das U (beiläufig könnte man erwähnen, dass man sie sogar gelehrt hatte, diese Vokale zu tanzen). Ihrem Kind hatte man gar eine ganze Vokalmonarchie eingeredet: Die genannten Buchstaben, so hieß es, seien Könige (war die Lesefibel dann ein „Buch der Könige“, fragte sie sich). Das war eine Lüge. Der 21445. Regentropfen, der ihr an diesem Frühlingstag auf den Kopf fiel, erweckte die Erkenntnis zum Leben: Zu den Vokalen war auch das Y zu zählen.
Als ihr klar wurde, wie erbärmlich es war, eine solche Erkenntnis erst in ihrem Alter zu haben, nach so vielen Todesfällen, empfangenen Briefen, Gehaltssteigerungen, Einkäufen, Steuerklärungen und sogar einer Geburt, entschied sie sich, den ominösen Königen ihre Gefolgschaft zu verweigern – und gebrauchte fortan knn nzgn vkl mhr.

Mein Verschütten

Was ist, war und wird.

Blicke, über Ränder, überraschend.

 

Auf den Tellern dreht sich der Ohrenschmaus,

die Nüsse im Schälchen vibrieren zum Jazz.

Dies gläserne Spiel beginnt meist unbemerkt

mit einem Zittern des Ellenbogens, den

die Gesellschaft ganz falsch für sich usw.

Etwas kippt sanft, ungehalten, wie im Flug.

Denn die Pfützen am Boden  d a z w i s c h e n

(scil. den Barhockern, Barhockenden)

könnten aus Salz sein, wenn es sich nicht verböte

aus plötzlicher Neigung zu weinen.

 

 

die entdeckung amerikas | kar freitag

I

das tier biegt sich im wind
das tier ist ein kind
das kind kehrt heim
aus dem krieg
über das gebirge ziehen
herden von küchenschellen
und steinbrech

du wirfst ein dorf in die landschaft
konzentrisch bewegen sich kreise
von fremde darauf zu
die kinder fliehen
mit den tieren in den wald

das kind ist alt sehr alt
viel älter als die welt
als mama und papa
nicht so alt wie die drachen
vielleicht zwei jahre oder vierhundert

tauben gestreut in augen
blicke weit weg

 

II

mit großer geduld aßen wir
falterflügel in der hoffnung
dass wir fliegen lernten
und durchsichtig würden
dass der tag uns heimat böte
und die nacht uns losließe
ein anderes mal wollten wir
fische sein eins mit dem schlamm
am grunde des meeres
überhäufen wir unsere kinder
mit schmerzen um ihnen ein langes leben
wie unseres zu ersparen

 

III

die schatten der hauswände stürzen auf den gehweg
von den dächern weht schnee
du wechselst in die mitte der straße
bei der u-bahnstation am warschauer platz triffst du zwei dichter
die du von früher kennst
auf polnisch singen sie dir lieder von schwarzstörchen
auf der reise über die flüsse und ebenen
deine lippen zittern
wenn du an jacek denkst und andrzej
auch sie waren dichter und sangen
von den zügen in die lager
als sie kinder waren und auf den gleisen spielten

 

IV

tauben gestreut in augen
blicke weit weg
in deine wohnung kehren stimmen zurück
leise
und laute
sitzt du in kurzen hosen
draußen im sandkasten und bist
indianer
in den gebüschen lauern die feinde
ruft mutter vom fenster zum essen
eine tote amsel in einer pappschachtel
begräbst du neben dem holunder

vom zahnradkranz springt eine fahrradkette
knallt auf das gehwegpflaster
durch den schmiedeeisernen zaun eines vorgartens
beobachtet dich häuptling großer wolf
wie eine büffelherde ziehen die autos
an deinem gestürzten pferd vorüber

dicht über das prairiegras schweben
flugzeuge durch die geöffneten fenster
einer leeren wohnung
vater fährt zur see und mutter
begleitet die amsel ein stück
auf ihrem weg zum himmel

Vogelpresse

In frühen Zeiten
rauer als diese
machte man sich
die Art der Vögel zunutze
frühmorgens tief
über die Felder
zu streichen
die Flügelspitzen streiften
die Ähren im Flug

So kamen unsere Vorfahren her
& spannten eine Konstruktion
aus komplizierten Schnallen
Ledergürteln & Gummiband
(damit kannten sich nur
die wenigsten aus)
Des Morgens in der Früh
zogen die Dörfler aufs Land
das noch in Tau & Nebel schlief
& verzurrten die geeichte Apparatur
zwischen zwanzig zittrigen Zweigen

Hier war Spezialwissen gefragt:
Es musste unauffällig sein
(selbst die kleinste blaueste Meise
trumpft mit einem IQ von etwas
über fünfzig auf)
& dabei so wirksam
dass beim ersten Zwitschern im Wald
die Gummis von hüben & drüben schackeln
sobald sich die köstlichen kleinen Leiber
gutgelaunt ins Schussfeld wagen

Die ersten zehn Vögel
so will es der Brauch
kommen in die Vogelpresse
(man kennt sie noch aus alten Filmen)
Mit Haut & Haar & Federkleid
füllt man den Erstlingsfang hinein
bindet eine Manschette herum
& presst sie dann so zart wie fest:
die rosigen lauwarmen Tropfen
füllen kaum den halben Mund

„Exploxionslicht durchschimmert die Brust“ *

Für Isabella

Und ich denke dran, wie schön du immer warst. Eine Prinzessin, Krankenschwester, kleine Schwester auf der F(a)ehre 6 ins Nirgendwo. Oder halt ins Kaffee Burger, also ins Nirgendwo. An den Theken dieser Stadt, wo du erzählst, und immer ohne Punkt, denn am Ende geht deine Stimme hoch in Sätzen wie Raupen, die sich dem Himmel entgegenstrecken. Gefühlte Geschichten.

… Wie also der reiche Mann auf Ibiza das Geld in großen Scheinen bündelweise aus dem Hotelfenster wirft, und die Mädchen beim Fotografen im Whirlpool sitzen, und der zweibeinige Tisch vom Trödel auf deinem Teppich aufsetzt, und jemand vergiftet wird, und jemand sein Studium über Bord schmeißt, und jemand von einem Hochhaus springt und von einem Modellflugzeug aufgefangen wird …

Und es war nie klar, ob all diese Dinge wirklich passiert sind, oder ob du sie in deinen gesungenen Sätzen hast passieren lassen, und es war mir nie klar, ob das relevant ist. Wo der Unterschied liegt.

 

* Die Titelzeile stammt aus dem Gedicht „Weltende“ von Isabella Vogel