Ein Schuss

 

Was ist das für eine Nacht.

Nirgends wird mehr gefeiert,

Barschaften geschlossen,

die Läden längst zu:

–  „Ist da noch wer?“ –

Was für eine Nacht und nirgends

wird mehr gefeiert, wird – “ … noch

wer da? Ist da noch eine Bar?“ –

Eine Nacht. Ein Schuss. Ein Schaft.

Eine Nachtbarschaft.

Längst geschlossen, die Läden.

Längst zu, die Nacht von Samstag.

Längst aus. Verraucht und Verpufft.

Also ganz ohne Bar nach Haus.

Zum Schlafen. Und morgen?

Ja, lasset uns ruhen, zunächst,

und später zum Tatort beten.

Vielleicht ist wieder diese Bar im Bild,

in der sehr spät noch eine Kommissarin

betrunken und einsam hockt;

oder zwei, oder drei ihrer Zunft.

Wo bis zum Morgen kein

Blut fließen wird, nur kühles Bier.

 

Ein Tischtuch für den König

Wenn ein Tischtuch ausgebreitet wird
ein weißes Tischtuch aus Seide oder Damast
ein Tischtuch für einen König
und goldenes Geschirr darauf gelegt
und man verkündet Dir
Du werdest noch heute an seiner Seite speisen …

wie erschreckst Du Dich da
weil Dir unvermutet
Großes geschieht

Wenn Du vor eine Tür trittst
eine Milchglastür vielleicht
in einem abgerissenen Haus
und eine Stimme dringt heraus
die Du lange nicht gehört hast
und hinter dem Glas streckt jemand die Hand aus
und Du siehst einen Schatten …

wie erstaunst Du da
weil alle Hoffnungen
kindisch geworden sind im Unverhofften

Wenn er
mit bloßen Füßen
vor seinen Palast tritt
wenn er
mit einem raschen Sprung aus seiner Sänfte steigt
wenn er seinen Purpurmantel ablegt
und Zepter und Krone zu Boden wirft
wenn Du auf seiner Haut
die Flecken erkennst, die Striemen und das Muttermal …

wie spannst Du da
vom großen Sturm zerzaust
die Schwingen Deines Herzens
ihn zu bedecken

Frollein Brandmeister

Keinen Plan, worum es ihm geht
aber er macht es sehr gut:
Das Sanatorium mitten im Wald
hat er zu seinem Auftrag erklärt
Zuerst das Telefon gekappt
& die Zufahrten verrammelt
Vor den Aufzügen & Treppen
mannshohe Rollen aus knisterndem Heu

Die Bäume im Umkreis von 300 Metern
großzügig mit Sprit besprenkelt
Die Wasserrohre gesprengt
Kreativ auf den Wiesen verteilt
schlummern Sprengfallen im Gras
Es geht hier weder vor noch zurück
Und sobald wir einen Durchbruch wagen
um ein paar Insassen zu retten
lauern uns hellwache Scharfschützen auf:
Pack das mal – mit 300 Irren auf dem Trail

Wir haben Glück:
Das dicke Frollein Brandmeister
hat die komplette Kiste im Griff:
Mit vier Promille & Steckschuss im Bauch
dirigiert sie das große Rettungsorchester
Der Hausmeister ist nicht in Urlaub
& weiß wo Notstrom & Wasser sind
& macht sich ohne Auftrag ans Werk

An die Verängstigten & Irren
geben wir nasse Decken aus
Noch funktionieren auch die Handys
& weil bei der Feuerwehr besetzt ist
rufe ich meine Vorgesetzte an
Mit einer Stimme wie Spätzleteig
schmiert sie mir „Feueeeweeeeh?“ ins Ohr
um augenblicklich einzupennen

Zwischen all dem Rettungschaos
ist ein Söldnertrupp im Einsatz
Er macht aus uns allen
Versehrte mit Kopfschuss
& Schiss vor der Welt
Wie treichhölzer
knicken jetzt funkensprühend
die Fichten

Sie fallen kreuz & quer um uns herum
Vorzugsweise auf Mensch & Weg
Zwischendrin ein harter Kern
aus Waldorfmüttern
katastrophengeübt & sportlich gestählt
die Kaffee kochen & Hoffnung horten
& daheim vermelden:
Heut wird es etwas später Schatz

(kattz gewidmet)

 

47° 42′ 52″ N, 13° 36′ 48″ O / 48° 19′ 26″ N, 14° 15′ 30″ O

Die Schmerzen hält er dir hinter dem Berg

er steigt und steigt
hinauf in die äußerste Bitternis

du läufst ihm
bergab entgegen
wie ein junges Kalb
das noch einmal davon gekommen ist

bevor du dich
vor Freude
überschlägst …

bevor du mitten
im saftigen Frühjahr
im Schoße der Erde landest
unter den geschmiedeten Kreuzen …

darfst Du, vielleicht,
noch einmal den Pinsel führen

und vorwärts schreiben
woran du jetzt
rückwärts vorbeigehst

Haus für Haus
und Tafel für Tafel

und du ermalst dir den Traum
am Ende umkehren zu dürfen

imagine there’s no heaven

john lennon lebt jetzt in kaskaskia / illinois
unter anderem namen
die nachbarn sagen
hey weißt du
dass du aussiehst wie john lennon
johns große liebe ist sein garten
und über dem offenen kamin
hängt eine fahne der reds
imagine there’s no heaven
einmal im monat fahren john & yoko
die jetzt jane heißt
zum einkaufen nach vandalia
und einmal im jahr
trifft sich john
mit seinen alten freunden
und dann hören sie alte platten
von john lee hooker bb king und chuck berry
von zeit zu zeit holt john seine gitarre vor
oder er setzt sich ans klavier
und schreibt ein lied
black hawk seine letzte komposition
soll die neue b-seite werden
vom reload der platte
woman is the nigger of the world
seit einiger zeit lernen john & yoko spanisch
kann gut sein dass sie weiterziehen
nach kuba oder cochabamba / bolivia

Die Blätter und das Alphabet

Es war ein Frühlingstag, als sie erkannte, dass man sie betrogen hatte – sie und auch ihr Kind und alle Kinder, die mit ihm zusammen aufwuchsen.
Es wurde ihr am selben Frühlingstag klar, an dem sie auch realisierte, dass der Frühling sie nicht willkommen hieß. In einem kleinen Park zu wandeln, in dem die Blätter noch ganz frisch waren, unter diesem speziellen Grün der Blätter zu gehen, das kein Gelb und auch noch kein sattes Grün war, das war ihr nicht gestattet. Jeder Baum war ein verbotener Baum. Und verboten war nicht etwa der Verzehr seiner Früchte, sondern das bloße Unterqueren seiner Kronen. Gott hatte sich nicht für sie so viel Mühe mit dem Baum gegeben (und im Übrigen auch für keinen anderen Vertreter der Menschheit, mit all seinen Feinstaub- und Methanausdünstungen). Dieses aufdringliche Rufen und Bewundern ging ihm ganz offensichtlich schon lange auf die Nerven. Und dieses Frühjahr hatte er besonders deutliche Signalfarben gewählt, die ihr sagten: „Halte Dich da fern, das geht Dich nichts an! Das hier hast Du aus der Nähe gar nicht zu betrachten!“ Später, wenn das Grün dann längst um einige Nuancen dunkler und damit profaniert sein würde, dann war jeder Voyeurismus erlaubt. Aber keinesfalls jetzt.
Sich um den Frühling betrogen zu fühlen wagte sie nicht. Sie war ein Freund klarer Verbote und einfacher Botschaften, egal ob die von ganz unten oder ganz oben kamen. Aber ein anderer Betrug war zu ahnden, hier, heute und für alle Zeit: Man hatte sie gelehrt, dass es fünf Vokale gebe, das A, das E, das I, das O und das U (beiläufig könnte man erwähnen, dass man sie sogar gelehrt hatte, diese Vokale zu tanzen). Ihrem Kind hatte man gar eine ganze Vokalmonarchie eingeredet: Die genannten Buchstaben, so hieß es, seien Könige (war die Lesefibel dann ein „Buch der Könige“, fragte sie sich). Das war eine Lüge. Der 21445. Regentropfen, der ihr an diesem Frühlingstag auf den Kopf fiel, erweckte die Erkenntnis zum Leben: Zu den Vokalen war auch das Y zu zählen.
Als ihr klar wurde, wie erbärmlich es war, eine solche Erkenntnis erst in ihrem Alter zu haben, nach so vielen Todesfällen, empfangenen Briefen, Gehaltssteigerungen, Einkäufen, Steuerklärungen und sogar einer Geburt, entschied sie sich, den ominösen Königen ihre Gefolgschaft zu verweigern – und gebrauchte fortan knn nzgn vkl mhr.

Mein Verschütten

Was ist, war und wird.

Blicke, über Ränder, überraschend.

 

Auf den Tellern dreht sich der Ohrenschmaus,

die Nüsse im Schälchen vibrieren zum Jazz.

Dies gläserne Spiel beginnt meist unbemerkt

mit einem Zittern des Ellenbogens, den

die Gesellschaft ganz falsch für sich usw.

Etwas kippt sanft, ungehalten, wie im Flug.

Denn die Pfützen am Boden  d a z w i s c h e n

(scil. den Barhockern, Barhockenden)

könnten aus Salz sein, wenn es sich nicht verböte

aus plötzlicher Neigung zu weinen.