fuga à due voces

oh ja, ich sang dir meinen kontrapu[ck/nk]t
in den schlitz, in das sehnen.
zweistimmig war ich, im kontradickt,
ich schrieb es in fut und fuga.



und sahest du mich so singen,
du hättest mich nicht ge- und erhört.
du bliebest im schweigen, das weib,
das mir die wäsche wäscht, gut’s mir zu tun.

das mir das mitternachtsmahl gekocht,
allein, du schwiegest weise all meinen
worten, denn die lassen sich nicht
braten im kreis einer pfanne,

wo jetzt das ei-gewusst des schweines
denaturiert oder der kühe,
die ihr haupt senken den schlächtern
wie ich dir hin.

oh ja, ich sang dir vom grabe,
vom balde das tröstende lied.
und wenn nicht, doch dann von den fenstern
den öffnenden klick.

(170907)

wohin ich ging

woher ich komm’, will ich nicht hin,
auch nicht, wohin ich geh’ und ging.
ich bleibe stehen und halt’ in’
am orte, wo ich nicht mehr bin.

wohin ich streb’, ist mir entgangen,
es war mal was wie utopie,
der’n dichterwortes schweres bangen
war leicht verheißen, doch mir nie.

woher kommt’s sehnen nach dem nicht,
wohin will dieses volle herz
euch ausergießen sein gedicht,
wo wiegt es lichtend schwer wie erz?

wohin will all das traute gehen,
wem ist sein ziel einst zu ersehen?
und wo wird dem erliegen stehen
ein grab, in das wir, ach, verwehen?

(170818)

Vergieß nicht (Stunde der Mörder 4)

Wenn du dich in deine Mörder verwandelst
die keine Gelegenheitsmörder sind sondern
durch die Vielzahl ihrer Taten
aus der Masse der gewöhnlichen Mörder weit herausragen
wenn du dich über viele Monate
immer tiefer in deine herausragenden Mörder hineinverwandelst
wie sie zu denken fühlen sprechen sogar zu träumen beginnst
vergiss nicht beim Tintenvergießen zu bleiben

Ihr gehört mir (Stunde der Mörder 3)

Diese Stadt ist voller Schmerzen aus tausend Augen
starrt sie doch ihr Glas ist angstbeschlagen in ihren
Rinnen fließen Bäche der Beschämung wie lange
fleht sie schon darum zu sterben doch diese Stadt muss
leben solange ich es will sie ist mein Schmerz sie ist
meine schlimmen Träume ihre Mauern sind geborsten sie
erstickt an toten Schloten ihre schwarzen Backsteindome
sind mit Stahlskeletten zugesargt ich gehe durch den Stadtpark
Männer kriechen aus Kanälen der Stolz dieser Stadt ist gebrochen
das Rathaus gehört mir ihr alle gehört mir ich habe keine Freude
an euren Tränen euren Schmerzen eurer Angst und Beschämung
ich trinke sie um ich zu sein

Ich ersticke (Stunde der Mörder 2)

Ich kann mich nicht immer verstellen ich ersticke bin
nur ein qualmender Faden an manchen Tagen nur ein
Klumpen glimmender Träume hinter steinerner Haut dann
muss ich mich zeigen einer Frau einem Mädchen ich
suche sie sorgsam trotz bebender Eile wie meine Mutter
meine Schwestern waren so bockig so biegsam muss sie
sein ich bringe sie heim ich beichte ihr ich zeige mich ihr ich
fühle mich wieder ich kann atmen fast lachen ich ersticke sie

Immer Lucy (Stunde der Mörder 1)

Wie früher gehe ich durch fremde Städte die Sonne scheint das
asiatische Mädchen lächelt in meinem Kopf balanciere ich
die Verse zu ihr nach Hause ein Hinterhofhotel ich bin
zu alt für dich sage ich du Tiger du stark sagt Lucy ich
glaube ihr nicht mal ihren Namen ich will sie von hinten dann
kann ich auf ihren Rücken schreiben während ich in ihr bin sie
lächelt ihre Zähne schimmern als sie sich um meine Fingerkuppe
schließen das Blut spritzt auf ihren büttenbraunen Rücken stoßweise
so habe ich immer am liebsten geschrieben nur leider meist
vergessen ihre Hinterseite abzulichten die noch klebrigen Verse
auf ihren Schulterblättern bevor Lucy unter die Dusche geht

weimar

weimar  kalkstein und mergel drängen in die stadt öffnen sich klüfte und schließen sich wieder um sich wieder zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend ist der asphalt weich flüssig wie boden wie moor schwimmen die autos zählst du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauen fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bleibst du stehen und drehst dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgen den stimmen die dich rufen von der anderen straßenseite metallisch klingt die nacht unter dem hundsstern tropfen die perseiden auf dein kleid

du stehst barfuß auf dem kopfsteinpflaster neben dir liegen deine nicht ausgesprochenen wünsche

an der kirchturmuhr ist ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hängt über der stadt

im geträumten leben bin ich wach

wortschaften bewohnen mit buchbaumhecken um die häuser

wir nähern uns norden

für Rebecca Zinke

liegt dein gesicht zwischen zwei monden
zerfließt schnee
waren die konturen deiner augen
einmal licht einmal nacht
ein anderes mal

trafen wir uns auf altem kristallin
langsam fangen die falten an
meine geschichte zu erzählen

granatglimmerschiefer faltengebirge
aus knotenschiefern
baute ich das dach eines hauses

im mittagslicht schimmert cordierit
cordieritblau beugt sich der himmel
über das dorf
in seiner unwissenheit wirkt er einsam
allein ein eremit
unter den einzelgängern der bergdohlen
gleicht deine stimme dem knistern in eis
wir nähern uns norden

keine(r) da

keine da, keiner war,
nur ich, der mir glich.
jede liebt, jeder lebt,
doch ich nicht

„not for me“

nur noch ich, der liebte,
blieb allein und schrieb,
was ich sagte wie beklagte,
was mir schien, wie einst in wien

„not for me“

freud’ auf deiner couch,
statt dass mich knautscht
und darauf knutschte,
wo ich verpfuschte

„not for me“

liebe lang und unverwandt,
im traum und raum verlangt,
fällt mir leicht und nicht mehr schwer,
denn ich komm’ vom leiden her

„not for me“

wie wird das enden, aus den händen?
sand aus der zerbroch’nen uhr,
im glas noch allererster schwur,
dass ich werd’s anders wenden

„not for me“

keine(r) da, die mitempfände,
was mir fehlt und meinem mangel,
was ich schrieb an alle wände
meiner zelle und im wandel

„not for me“



(hannover: 170430, kiel: 170512)

gesang eins

auf einmal wurde die landschaft hügelig
buckelwale duckten ihre rücken im gras
alle halme bewegten sich im gleichklang
die musik musste von fern kommen
hinter dem gebirge wechselte der himmel seine farben
Sirin sang
von der küstenebene drang kriegsgeschrei
die wale verharrten im abendlicht
dass ihre körper aussahen wie gebrannter ton
selbst der himmel erinnerte an irdenes
steinzeug
ich lief schneller
auf einmal hörte ich ein schnauben und toben
die buckelwale richteten sich auf
flohen hinaus in die dunkelheit der nahenden nacht
Sirin sang weiter
das kriegsgeschrei näherte sich
entfernte sich wieder
und verstummte im letzten ton des lieds

dann hörte ich nur noch deinen atem