Postillion

Ich stolpere über frischgeteerte Wege
zum stets von dir verlassenen Haus,
erkennbar bleibt der Abdruck in der Leere.
Die Gärten, die ich sehe, beben, und ich rede
zu ihnen hin in Worten aus Asphalt, halt so Metaphern,
hart in sich gestaucht – erledigt, ausgelaugt und alt.
Als hingemalte Tonkulisse nun Gitarrenklänge,
aus dem Tattoo-Geschäft dringt Abenteuerlust,
ein Duft von Zigarettenrauch, auf nackter Frauenhaut
blühn passioniert so tintenblaue Blumenstängel.
Wer trägt denn heut noch Briefe dumm herum, und wirft
sie dann durch blinde Schlitze stummer Wohnungstüren?
Sorgsam gefaltet liegen Seiten im Kuvert,
die dummen Wörter sind darin versteckt und eingesperrt,
die Silben, Stotterblumen, Endmoränen, Trost
liegt schwer im Mund: ein Wort aus rotem Mantelstoff
wie eine Hoffnung, die am Ende runterfloss,
und warmer Regen spritzt am Ende des Azorenhochs.

Verkostet

Plankton an Panik
Seegras mit Sorgensprossen
Sind noch lange kein
Poetisches Abendmahl
Lemminge stromschnellenweise
Zwischen die Zeilen gekübelt
Zwielicht auf Trüffelschaum
Füllt die lyrische Sauciere
Lemuren mit Lemon
Angstdudler im Abgang
Ergibt noch lange kein
Philosophisches Sternemenü

nocturne (lügenbaron)

wer mich kennt weiß
dass ich gedichte vom himmel herunter lüge
in ihnen schwimmen fische durch leuchtreklamen
steigen über den schildern luft- und sprechblasen auf
in die lichtglocke über der stadt
werden stimmen beschworen
urtümliche laute aus ubahnschächten
mischen sich mit dem rascheln der lindenblätter
vom warschauer platz vom czernowitzer platz
vom donauufer in budapest und vom schwarzmeer bei odessa
wer mich kennt weiß
dass in meinen vom himmel herunter gelogenen gedichten
am horizont schneeberge aufragen
über sie ziehen singschwäne in ferne geschichten
die an orten wie teheran und kabul spielen
dort stehen mädchen am straßenrand
und winken burschen in reiterspielen zu
später weinen die mädchen
wenn die toten körper der burschen
auf lastwagen in die stadt zurückkehren
wer mich kennt weiß
dass das blau am himmel selbst eine lüge ist
in ihm spiegeln sich die augen von geckos
die an hauswänden hocken und auf das ende der zeit warten
menschen beobachten die tiere
und schreiben ihnen glücksbringende eigenschaften zu
die augen der menschen leuchten dann blau wie der himmel
ich biege um die nächste straßenecke
sehe fische und höre singschwäne
und die nacht und die lügen nehmen kein ende

Berlin, General-Woyna-Straße

Da zerkrümelst Du Deinen Käsekuchen
im Eckcafé
während der fremde Hunger
in Variationen
auf Deiner Lichterkette klimpert

überall gleichen die Fassaden hier
der Mütze
an der Deine Parzen einst strickten
– wie wenige Tode
ist das erst her?

noch bist Du
viel zu schwer für den Luftballon
mit dem Du zurück in die Kindheit fliegst
unter jenen Baum
zu jenen Tauben
in jene grünen Tage
als die Versprechen nur gefilmt wurden
aber noch nichts galten
als Du Dein eigener
gütiger Regisseur warst
und die Drehtage
ganz unvergütet blieben.

Ein Schuss

 

Was ist das für eine Nacht.

Nirgends wird mehr gefeiert,

Barschaften geschlossen,

die Läden längst zu:

–  „Ist da noch wer?“ –

Was für eine Nacht und nirgends

wird mehr gefeiert, wird – “ … noch

wer da? Ist da noch eine Bar?“ –

Eine Nacht. Ein Schuss. Ein Schaft.

Eine Nachtbarschaft.

Längst geschlossen, die Läden.

Längst zu, die Nacht von Samstag.

Längst aus. Verraucht und Verpufft.

Also ganz ohne Bar nach Haus.

Zum Schlafen. Und morgen?

Ja, lasset uns ruhen, zunächst,

und später zum Tatort beten.

Vielleicht ist wieder diese Bar im Bild,

in der sehr spät noch eine Kommissarin

betrunken und einsam hockt;

oder zwei, oder drei ihrer Zunft.

Wo bis zum Morgen kein

Blut fließen wird, nur kühles Bier.

 

Ein Tischtuch für den König

Wenn ein Tischtuch ausgebreitet wird
ein weißes Tischtuch aus Seide oder Damast
ein Tischtuch für einen König
und goldenes Geschirr darauf gelegt
und man verkündet Dir
Du werdest noch heute an seiner Seite speisen …

wie erschreckst Du Dich da
weil Dir unvermutet
Großes geschieht

Wenn Du vor eine Tür trittst
eine Milchglastür vielleicht
in einem abgerissenen Haus
und eine Stimme dringt heraus
die Du lange nicht gehört hast
und hinter dem Glas streckt jemand die Hand aus
und Du siehst einen Schatten …

wie erstaunst Du da
weil alle Hoffnungen
kindisch geworden sind im Unverhofften

Wenn er
mit bloßen Füßen
vor seinen Palast tritt
wenn er
mit einem raschen Sprung aus seiner Sänfte steigt
wenn er seinen Purpurmantel ablegt
und Zepter und Krone zu Boden wirft
wenn Du auf seiner Haut
die Flecken erkennst, die Striemen und das Muttermal …

wie spannst Du da
vom großen Sturm zerzaust
die Schwingen Deines Herzens
ihn zu bedecken

Frollein Brandmeister

Keinen Plan, worum es ihm geht
aber er macht es sehr gut:
Das Sanatorium mitten im Wald
hat er zu seinem Auftrag erklärt
Zuerst das Telefon gekappt
& die Zufahrten verrammelt
Vor den Aufzügen & Treppen
mannshohe Rollen aus knisterndem Heu

Die Bäume im Umkreis von 300 Metern
großzügig mit Sprit besprenkelt
Die Wasserrohre gesprengt
Kreativ auf den Wiesen verteilt
schlummern Sprengfallen im Gras
Es geht hier weder vor noch zurück
Und sobald wir einen Durchbruch wagen
um ein paar Insassen zu retten
lauern uns hellwache Scharfschützen auf:
Pack das mal – mit 300 Irren auf dem Trail

Wir haben Glück:
Das dicke Frollein Brandmeister
hat die komplette Kiste im Griff:
Mit vier Promille & Steckschuss im Bauch
dirigiert sie das große Rettungsorchester
Der Hausmeister ist nicht in Urlaub
& weiß wo Notstrom & Wasser sind
& macht sich ohne Auftrag ans Werk

An die Verängstigten & Irren
geben wir nasse Decken aus
Noch funktionieren auch die Handys
& weil bei der Feuerwehr besetzt ist
rufe ich meine Vorgesetzte an
Mit einer Stimme wie Spätzleteig
schmiert sie mir „Feueeeweeeeh?“ ins Ohr
um augenblicklich einzupennen

Zwischen all dem Rettungschaos
ist ein Söldnertrupp im Einsatz
Er macht aus uns allen
Versehrte mit Kopfschuss
& Schiss vor der Welt
Wie treichhölzer
knicken jetzt funkensprühend
die Fichten

Sie fallen kreuz & quer um uns herum
Vorzugsweise auf Mensch & Weg
Zwischendrin ein harter Kern
aus Waldorfmüttern
katastrophengeübt & sportlich gestählt
die Kaffee kochen & Hoffnung horten
& daheim vermelden:
Heut wird es etwas später Schatz

(kattz gewidmet)