weimar

weimar  kalkstein und mergel drängen in die stadt öffnen sich klüfte und schließen sich wieder um sich wieder zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend ist der asphalt weich flüssig wie boden wie moor schwimmen die autos zählst du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauen fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bleibst du stehen und drehst dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgen den stimmen die dich rufen von der anderen straßenseite metallisch klingt die nacht unter dem hundsstern tropfen die perseiden auf dein kleid

du stehst barfuß auf dem kopfsteinpflaster neben dir liegen deine nicht ausgesprochenen wünsche

an der kirchturmuhr ist ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hängt über der stadt

im geträumten leben bin ich wach

wortschaften bewohnen mit buchbaumhecken um die häuser

wir nähern uns norden

für Rebecca Zinke

liegt dein gesicht zwischen zwei monden
zerfließt schnee
waren die konturen deiner augen
einmal licht einmal nacht
ein anderes mal

trafen wir uns auf altem kristallin
langsam fangen die falten an
meine geschichte zu erzählen

granatglimmerschiefer faltengebirge
aus knotenschiefern
baute ich das dach eines hauses

im mittagslicht schimmert cordierit
cordieritblau beugt sich der himmel
über das dorf
in seiner unwissenheit wirkt er einsam
allein ein eremit
unter den einzelgängern der bergdohlen
gleicht deine stimme dem knistern in eis
wir nähern uns norden

keine(r) da

keine da, keiner war,
nur ich, der mir glich.
jede liebt, jeder lebt,
doch ich nicht

„not for me“

nur noch ich, der liebte,
blieb allein und schrieb,
was ich sagte wie beklagte,
was mir schien, wie einst in wien

„not for me“

freud’ auf deiner couch,
statt dass mich knautscht
und darauf knutschte,
wo ich verpfuschte

„not for me“

liebe lang und unverwandt,
im traum und raum verlangt,
fällt mir leicht und nicht mehr schwer,
denn ich komm’ vom leiden her

„not for me“

wie wird das enden, aus den händen?
sand aus der zerbroch’nen uhr,
im glas noch allererster schwur,
dass ich werd’s anders wenden

„not for me“

keine(r) da, die mitempfände,
was mir fehlt und meinem mangel,
was ich schrieb an alle wände
meiner zelle und im wandel

„not for me“



(hannover: 170430, kiel: 170512)

gesang eins

auf einmal wurde die landschaft hügelig
buckelwale duckten ihre rücken im gras
alle halme bewegten sich im gleichklang
die musik musste von fern kommen
hinter dem gebirge wechselte der himmel seine farben
Sirin sang
von der küstenebene drang kriegsgeschrei
die wale verharrten im abendlicht
dass ihre körper aussahen wie gebrannter ton
selbst der himmel erinnerte an irdenes
steinzeug
ich lief schneller
auf einmal hörte ich ein schnauben und toben
die buckelwale richteten sich auf
flohen hinaus in die dunkelheit der nahenden nacht
Sirin sang weiter
das kriegsgeschrei näherte sich
entfernte sich wieder
und verstummte im letzten ton des lieds

dann hörte ich nur noch deinen atem

anderland 15

sonettes unverstand

hallo, ihr leser, ich bin ein sonett.
mein dichter sagt, ich sei die „seine“ form
und damit sei „seit damals“, was ihn rett’t
ins hinten – ehedem – statt in das vorn.

allein, was ich gesagt, sich nicht erschließt
beim lesen meiner verse ins gehör.
dahin hinaus mein alzgeheimnis schießt
und reimt, doch schwört darauf nicht, dass ich schwör’.

ich bin also ein bisschen immer lüge
im vorerst unverstand’nen einverstand.
ich breite dennoch meiner federn flügel,

auf dass mein dichter mich noch einmal lese
und korrigierte meiner küsten land
auf seiner karte, über der er schwebte.



anderland 14

boğaz

wir standen am ufer des bosporus
und blickten hinüber
in das gespiegelte land
dort aßen sie honig und tranken galle
leoparden säumten das ufer
autos hupten und Şirin winkte
einem albatros nach
der schatten seines flügels
streifte ihr gesicht
das wasser sang
und in den wellen verhallten
schüsse aus einem fernen gebirge

Grünblaue Zelte

In mir werden, an bekannter Stelle, grünblaue Zelte aufgeschlagen sein, weit und groß, als liege ein Pferd drunter. Ich kenne das Licht noch nicht, bei dem Du arbeiten wirst. Ist es hell und kalt? Von einem sanften und nachdenklichen Grau? Oder nimmst Du das blaue Licht zur Hand, das ich immer am Horizont gesehen habe? Vielleicht auch ein annähernd abendliches Licht, damit die Wimpern des großen Pferdes unter den Zelten nicht zu zucken beginnen.

Auch wenn ich dann schon lange kein Herz mehr haben sollte, wird etwas in mir klopfen. Sehr schnell. Das Pferd unter den Decken galoppiert noch und muss erst, Huf für Huf, eingefangen werden.

Ich weiß nichts vom Prozess der Galvanisierung. Rostreinigungsmechanismen kenne ich nicht. Es ist mir unbekannt, wie man Silber putzt oder Metall-Legierungen herstellt. Und in der Stahlveredelung kenne ich mich nicht aus. Wie sollte ich dann ahnen können, was Du mit mir vorhast, bevor ich Dich arbeiten sehen darf.

Den Materialverlust fürchte ich nicht. Und wenn es Liter des Überflüssigen wären, die entnommen würden, und wenn Meter um Meter oxidierte Materie zu entfernen wäre – nicht ein Tausendstel davon würde ich vermissen. Der Zustand postoperativ? Ich weiß nichts darüber. Die Fraktale auf der Herzoberfläche, die sich unaufhörlich ineinander schieben, verraten wenig. An ihren Spitzen aber haben sie die Form von Flammen.

fremdenlegion

wir zählen lumen
und werfen löß zurück in den wind
mit bloßen händen
greifst du hochhäuser an
die ganze nacht
senden sie im radio langgedichte
vom flimmern der zeit
von stimmen
schatten
und der durchsichtigkeit eines eisvogelgefieders
von der verletzlichkeit des lichts
die hochhäuser wehren sich
senden drohnen aus
kehren zurück in ein niemandsland
am ende des tages
bietest du ihnen begleitschutz an
zwischen windkantern
sind hochhäuser verloren

Lamm auf Stamm

Es sollte ein Urlaub werden
aber niemand nahm teil
Wer jedoch kam
war eine Rotte Verrückter
die feierten fraßen
& innen wie außen
für Schrecken sorgten

Am Ende streckte sich wieder
mit reifen Flächen
& talgigem Glanz
in den freien Faszien
ein Schaf mit aufgebrochener Kehle
über einen splittrigen Stamm

Außer dem leisen Schaben
wenn der Schmerz ihm das
Fell über die Ohren zog: kein Laut
Im Telefonbuch: Kein Tierarzt
für das Ticket ins Jenseits
& mein Haar das an deinem Karo rieb
& du tatst was du konntest
& strecktest es nieder
bis der Tumult in mir schlief

nur ein wink

nur ein wink aus deinen händen,
nur ein wort auf deinen lippen
macht mich stark: aus allen ländern,
allen küsten, deren rippen

brach gelegen, jetzt ein port
gemacht, von dem wir aufgebrochen.
auch das skelett an fleisches ort,
wo’s klappert, dem wir anverflochten

als mensch und menschen einverstanden,
dass einer nicht des and’ren wolf,
doch sei ein hilf’ dem angelanden
an förden, buchten oder golf.

und ist’s auch, dass sie uns benennen
und hämen uns als gutgemensch:
es bleibt ein rest in dem bekennen:
ein kuss ist’s jenseits ihrer schänd’,

ein anvertrauen jeden tag
und auch in nacht, die schlimm verschlafen,
wo manchen noch am herzen lag,
was tickt durch facebooks telegrafen

nur als ein „like“. doch solches „like“
müsst’ allen sein, verwundeten,
den totgesagten, dass nicht schweigt
ein jeder so bekundeten

an eig’nen leidesliedern nur.
dass vielmehr wir und all’ versehrte
die hand uns reichten zu dem schwur:
WIR SIND, DIE KÄMPFEN UMS BEGEHRTE!

das ist der wink, den uns der wind,
geschicht’ und gegenwart … die hand
gereicht, dass wir sind taub und blind
nicht mehr für dieses NEUE LAND.