Grünblaue Zelte

In mir werden, an bekannter Stelle, grünblaue Zelte aufgeschlagen sein, weit und groß, als liege ein Pferd drunter. Ich kenne das Licht noch nicht, bei dem Du arbeiten wirst. Ist es hell und kalt? Von einem sanften und nachdenklichen Grau? Oder nimmst Du das blaue Licht zur Hand, das ich immer am Horizont gesehen habe? Vielleicht auch ein annähernd abendliches Licht, damit die Wimpern des großen Pferdes unter den Zelten nicht zu zucken beginnen.

Auch wenn ich dann schon lange kein Herz mehr haben sollte, wird etwas in mir klopfen. Sehr schnell. Das Pferd unter den Decken galoppiert noch und muss erst, Huf für Huf, eingefangen werden.

Ich weiß nichts vom Prozess der Galvanisierung. Rostreinigungsmechanismen kenne ich nicht. Es ist mir unbekannt, wie man Silber putzt oder Metall-Legierungen herstellt. Und in der Stahlveredelung kenne ich mich nicht aus. Wie sollte ich dann ahnen können, was Du mit mir vorhast, bevor ich Dich arbeiten sehen darf.

Den Materialverlust fürchte ich nicht. Und wenn es Liter des Überflüssigen wären, die entnommen würden, und wenn Meter um Meter oxidierte Materie zu entfernen wäre – nicht ein Tausendstel davon würde ich vermissen. Der Zustand postoperativ? Ich weiß nichts darüber. Die Fraktale auf der Herzoberfläche, die sich unaufhörlich ineinander schieben, verraten wenig. An ihren Spitzen aber haben sie die Form von Flammen.

Kunstlektüren

Als du noch klein warst und noch keine Texte lesen konntest, sondern nur Bilder, als du deine Mittagszeit auf dem weichen Sofa im Winkel hinter dem Vorhang verbrachtest beim Bild von St. Bartholomä am Königsee – rühren durftest du dich nicht, denn du warst vorher zur Tür gerannt und hattest laut „Auf Wiedersehen“ gerufen und warst dann zurück geschlichen, hinter den Vorhang – als du also, abgemeldet und doch zur Stelle, auf dem Sofa lagst und alle Zeit der Welt hattest, die Ölkleckse auf einem rasch kopierten Gemälde zu studieren, da hast Du ein für alle Mal gelernt, Felswände zu lesen.

Dann kamen allerlei Träume (oder Fernsehbilder): Felswände, dunkelblau, vor dunkelblauen Wolken, Mahler im Hintergrund oder Wagner, dahinter weiß ein paar Lücken für den Abendhimmel, du fliegst und zoomst, wie es dir der Augenblick eingibt, Gesang der Geister über den Wassern, Ossian, Urworte Orphisch, Klopstock, und so weiter und so weiter, alles in Stein gemeißelt, wie es euch gefällt. Du machst Dich, an der Felswand, Kletterroute Grad 6, zum Affen mit der Schreibmaschine und schreibst ein paar Takte am Faust. Und man bewundert dich und gibt dir Schleifen ins Haar und Blumensträuße für die Russischlehrerin mit in die Schule und am Klavier, Spezialkonstruktion für Wunderkinder, lernst Du den kleinen Prinzen kennen und führst mit ihm eine kleine, zarte, allerliebste Konversation („Für Elise“).

Auf dem Elektroboot am Königssee, dem Schaufelraddampfer am Chiemsee, der Plätte am Toplitzsee, dem Ruderboot am Mälarsee – immer und immer wieder kehrt das Gewitter zurück. Und mit glasklaren Kopf kannst du an der gegenüberliegenden Felswand lesen, ob dir noch beschieden sein wird, das Ufer zu erreichen. Nieder mit Öl und Graphit. Ad fontes (Traunquelle?)! Zurück zu den Tatsachen. Die Rückseite eines Ölbildes besteht aus Leinwand, nicht aus der weiten Welt.

Berlin, General-Woyna-Straße

Da zerkrümelst Du Deinen Käsekuchen
im Eckcafé
während der fremde Hunger
in Variationen
auf Deiner Lichterkette klimpert

überall gleichen die Fassaden hier
der Mütze
an der Deine Parzen einst strickten
– wie wenige Tode
ist das erst her?

noch bist Du
viel zu schwer für den Luftballon
mit dem Du zurück in die Kindheit fliegst
unter jenen Baum
zu jenen Tauben
in jene grünen Tage
als die Versprechen nur gefilmt wurden
aber noch nichts galten
als Du Dein eigener
gütiger Regisseur warst
und die Drehtage
ganz unvergütet blieben.

Ein Tischtuch für den König

Wenn ein Tischtuch ausgebreitet wird
ein weißes Tischtuch aus Seide oder Damast
ein Tischtuch für einen König
und goldenes Geschirr darauf gelegt
und man verkündet Dir
Du werdest noch heute an seiner Seite speisen …

wie erschreckst Du Dich da
weil Dir unvermutet
Großes geschieht

Wenn Du vor eine Tür trittst
eine Milchglastür vielleicht
in einem abgerissenen Haus
und eine Stimme dringt heraus
die Du lange nicht gehört hast
und hinter dem Glas streckt jemand die Hand aus
und Du siehst einen Schatten …

wie erstaunst Du da
weil alle Hoffnungen
kindisch geworden sind im Unverhofften

Wenn er
mit bloßen Füßen
vor seinen Palast tritt
wenn er
mit einem raschen Sprung aus seiner Sänfte steigt
wenn er seinen Purpurmantel ablegt
und Zepter und Krone zu Boden wirft
wenn Du auf seiner Haut
die Flecken erkennst, die Striemen und das Muttermal …

wie spannst Du da
vom großen Sturm zerzaust
die Schwingen Deines Herzens
ihn zu bedecken

47° 42′ 52″ N, 13° 36′ 48″ O / 48° 19′ 26″ N, 14° 15′ 30″ O

Die Schmerzen hält er dir hinter dem Berg

er steigt und steigt
hinauf in die äußerste Bitternis

du läufst ihm
bergab entgegen
wie ein junges Kalb
das noch einmal davon gekommen ist

bevor du dich
vor Freude
überschlägst …

bevor du mitten
im saftigen Frühjahr
im Schoße der Erde landest
unter den geschmiedeten Kreuzen …

darfst Du, vielleicht,
noch einmal den Pinsel führen

und vorwärts schreiben
woran du jetzt
rückwärts vorbeigehst

Haus für Haus
und Tafel für Tafel

und du ermalst dir den Traum
am Ende umkehren zu dürfen

Die Blätter und das Alphabet

Es war ein Frühlingstag, als sie erkannte, dass man sie betrogen hatte – sie und auch ihr Kind und alle Kinder, die mit ihm zusammen aufwuchsen.
Es wurde ihr am selben Frühlingstag klar, an dem sie auch realisierte, dass der Frühling sie nicht willkommen hieß. In einem kleinen Park zu wandeln, in dem die Blätter noch ganz frisch waren, unter diesem speziellen Grün der Blätter zu gehen, das kein Gelb und auch noch kein sattes Grün war, das war ihr nicht gestattet. Jeder Baum war ein verbotener Baum. Und verboten war nicht etwa der Verzehr seiner Früchte, sondern das bloße Unterqueren seiner Kronen. Gott hatte sich nicht für sie so viel Mühe mit dem Baum gegeben (und im Übrigen auch für keinen anderen Vertreter der Menschheit, mit all seinen Feinstaub- und Methanausdünstungen). Dieses aufdringliche Rufen und Bewundern ging ihm ganz offensichtlich schon lange auf die Nerven. Und dieses Frühjahr hatte er besonders deutliche Signalfarben gewählt, die ihr sagten: „Halte Dich da fern, das geht Dich nichts an! Das hier hast Du aus der Nähe gar nicht zu betrachten!“ Später, wenn das Grün dann längst um einige Nuancen dunkler und damit profaniert sein würde, dann war jeder Voyeurismus erlaubt. Aber keinesfalls jetzt.
Sich um den Frühling betrogen zu fühlen wagte sie nicht. Sie war ein Freund klarer Verbote und einfacher Botschaften, egal ob die von ganz unten oder ganz oben kamen. Aber ein anderer Betrug war zu ahnden, hier, heute und für alle Zeit: Man hatte sie gelehrt, dass es fünf Vokale gebe, das A, das E, das I, das O und das U (beiläufig könnte man erwähnen, dass man sie sogar gelehrt hatte, diese Vokale zu tanzen). Ihrem Kind hatte man gar eine ganze Vokalmonarchie eingeredet: Die genannten Buchstaben, so hieß es, seien Könige (war die Lesefibel dann ein „Buch der Könige“, fragte sie sich). Das war eine Lüge. Der 21445. Regentropfen, der ihr an diesem Frühlingstag auf den Kopf fiel, erweckte die Erkenntnis zum Leben: Zu den Vokalen war auch das Y zu zählen.
Als ihr klar wurde, wie erbärmlich es war, eine solche Erkenntnis erst in ihrem Alter zu haben, nach so vielen Todesfällen, empfangenen Briefen, Gehaltssteigerungen, Einkäufen, Steuerklärungen und sogar einer Geburt, entschied sie sich, den ominösen Königen ihre Gefolgschaft zu verweigern – und gebrauchte fortan knn nzgn vkl mhr.

Schlittenfahrt

keine Blutstropfen
vor den sieben Bergen im Schnee
und kein Schneewittchen
und Gawein nicht mit dem Mantel

mühselig und beladen
zieht einer den Schlitten ins Unendliche.

wir aber sind anders gezüchtigt
und anders geliebt

wie wir so dasitzen
auf dem Schlitten
auf unserem Lammfellchen
in unserem Wollmäntelchen

zuhause
auf der kleinen Erde
warten unsere Messerchen
und Becherchen
dampfend mit weißer Milch der Frühe
und wenn wir älter sind
gefüllt mit rotem Wein

Aber wir glauben
an eine Fahrt ohne Wiederkehr
weil wir vor seinen Füßen
nicht still sitzen können.

Passepartout

Haben Sie schon einmal gesehen, wie die Zielscheiben aussehen, an denen Soldaten bei Manövern Schießübungen betreiben? Es gab vor einiger Zeit eine Fotoausstellung, da konnte man eine internationale Sammlung solcher Zielscheiben sehen. Viele waren menschenförmig. Und da Arme kein besonders wichtiges Ziel für einen Soldaten sind, hatten manche von ihnen gar keine Arme, sondern einfach einen Kopf und einen Rumpf. Manchmal waren sie mit Gesichtern bemalt, manchmal einfarbig, manchmal drei- und manchmal nur zweidimensional. Sie können sich diese Zielscheiben vorstellen? Gut. Nun denken Sie sich aber bitte nicht mehr die Zielscheiben selbst, sondern ein Passepartout für Zielscheiben. Und zwar ein zweidimensionales Passepartout für eine zweidimensionale Zielscheibe, bestehend nur aus Kopf und Rumpf – aus einem normalen Kopf und einem ganz normal breiten Rumpf. Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass durch diese Zielscheibe Licht fällt. Ein sehr weißes Licht, aber nicht unangenehm weiß, gerade noch nicht blendend weiß und auch nicht steril, sondern mit einem ausreichenden Anteil an warmen Lichtfarben. Und nun stellen Sie sich bitte vor, dass dieses Passepartout und dieses Licht hinter dem Passepartout immer wieder auf Sie zu gehen – oder nein, nicht „gehen“, denn der Rumpf hat ja keine Beine- Oder Sie haben nur nicht so genau hingeschaut und er hat sie doch. Vielleicht läuft der Runpf ja in ein langes Gewand aus, unter dem sich doch noch Beine verbergen? Jedenfalls trampelt das Passepartout nicht, wenn es sich nähert, bewegt sich aber doch auf Sie zu. Und obwohl es zweidimensional ist und das Licht dahinter auch nicht besonders schwer, ist es auch nicht instabil. Ob das Passepartout oder das Licht dahinter irgendetwas sagen können, ist nicht so klar. Es könnte schon sein, aber wahrscheinlich sprechen sie nicht in menschenförmiger Sprache, denn die passt nicht zu einem solchen Passepartout oder zu einer ominösen Lichtquelle.

Das Merkwürdige an diesem Passepartout und seiner Beleuchtung ist nun, dass Sie in jeder Situation schon wissen, wer sich nähert. Sie kennen denjenigen immer schon, der da ankommt. Dabei haben Sie das Passepartout eigentlich nie näher kennengelernt, haben ihm nie die Hand geschüttelt (wie auch, wenn das Passepartout gar keine Arme hat?). Wie kann das sein? Nun, das ist ganz einfach, lässt sich aber trotzdem einigermaßen schwer erklären. Es kommt gar nicht so sehr auf das Passepartout an, sondern darauf, wer gerade dahintersteckt. Letzteres aber erkennen Sie genau, wenn auch weder an den Lichtwellen, die aus der Rahmung hervorquellen, noch an einem spezifischen Schatten noch an einem besonderen Klang, Geruch oder Gefühl. Es ist Ihnen einfach so klar, ohne weiteres Nachdenken und ohne genauere sinnliche Hinweise. Sie sehen das Passepartout an – und augenblicklich wissen Sie: Ah, das ist ja mein Vater oder mein Bruder oder mein Geliebter oder mein Schulkamerad oder ein lebender oder verstorbener Freund oder ein Lehrer oder wer auch immer … Ist es nicht so, dass wir alles Wichtige schon immer wissen? Und wenn das Passepartout daher kommt, sichtbar daherkommt, meine ich, dann muss es schon wichtig sein.

Heute brechen Sie mit ihm auf. Sagen wir, in den Harz. Heute hat es die Eigenschaft, sich ständig zu verändern– und das macht es so: Sobald Sie einmal wegschauen, nähert es sich von neuem . Und jedesmal, wenn es sich nähert, ist es schon ein anderer. Außerdem gilt heute auch: „Ich ist ein anderer“. Sie blicken dem veränderten Passepartout in die Strahlen und wissen, dass auch Sie sich schon wieder verändert haben.

Heute haben Sie die Eigenschaft, überall zu spät zu kommen. Sie wollen essen – und es wird gerade abserviert. Sie betreten einen Vortragsraum – und die Stühle werden in diesem Moment auf große Stapel gestellt. Sie eilen in die Kirche – und hören die letzten Töne der Orgel. Aber zu allen Überraschungen, die für Sie bereitgehalten werden, kommen Sie pünktlich. Die sonderbarste allein, werden Sie später im Gedächtnis behalten. Sie stolpern einen Hang hinunter, einen komplizierten Hang, halb in den Alpen gelegen, halb an den lieblichen Hängen des Neckars. Und als Sie mehr oder weniger unten ankommen – schon wieder zu spät natürlich, für das, was Sie geplant haben – kommen Sie gerade rechtzeitig, um Ihre sieben Kinder zu bewundern. Nun wussten Sie ja noch gar nicht, dass Sie sieben Kinder haben. Sie kennen auch die Namen nicht. Und Sie sind erstaunt, dass sich die Kinder trotzdem um Sie drängen, als wären Sie ihre Mutter. Und während Sie sie streicheln, fallen Ihnen alle die Morde ein, die in der Nachbarschaft dieser Kinder begangen wurden. Und es fällt Ihnen ein, dass es bis zum Abend noch viel mehr Morde begangen sein werden, und dass Sie nichts werden tun können, um die Kinder in irgendeiner Form vor diesem und jenem zu schützen. Eines wird in den Brunnen fallen und ein anderes wird taub werden.  So viele Lebensläufe tanzen Ringelreihen vor ihren Augen. Als das Passepartout heimkommt – oder kommt es, um Sie heimzuholen? – und als sie ihm entgegenstolpern, sind Sie aber schon nicht mehr die Mutter dieser sieben, sondern deren Schwester. Und bald darauf sind Sie ein Kind, Ihre Kinder aber, sind längst erwachsen geworden und nicht mehr Ihre Kinder.

So geht es in einem fort. Gerade waren es sieben Kinder, bald werden es sieben Häuser sein, die aber bis zum nächsten Tag alle verbrannt sind. Oder Sie werden mit sieben Hunden spazierengehen, die bis zum Abend alle entlaufen. Würde das Passepartout Sie nicht überall wieder abholen, Sie nicht leicht machen zum Fliegen, was täten Sie nur, mit diesem spärlichen Leben und dem vielen, das darin zu erleben ist?

Schlangenspiele

 

In unseren Mauern

kriecht sie ihren Weg.

Blumen frisst sie und blaue Bälle.

Wir lassen sie gedeihen

und verderben.

Wir schlagen

ihren Kopf gegen die Wand

und heißen sie wiederkehren

im nächsten Spiel.

Eben noch hast Du Dich

vom Dunkel ins Licht geredet

Bis deine Schritte so leicht waren

wie ein aufgelöstes Band im Wind.

Eben noch bist Du zurückgekehrt

in diese erste Wohnung

die Du immer verlassen musstest

vor dem Geheimnis.

Tacui.

Um alles darfst Du jetzt bitten.

Aber wieder schenkst Du der Schlange

Blumen und einen blauen Ballon.

jerusalem

noch im flughafen
frisch angekommen aus der bukowina
legst du deine flugreise ab
wie diese
vierzigjährige wüstengeschichte

im rucksack trägst du
nur noch das gesicht eines vaters
den du beim malen ertappt hast
und diese geschichten
von den kamelen und den marschrutkas
 und
den lehrerinnen 
die noch unterrichtet haben
als nichts mehr ging

dass du ein faltboot dabei hast
oder eine venezianische gondel
war lang dir entfallen

aber einmal
kniest du dann doch im boot
als dein eigener gondoliere
und durch den großen kanal
an san marco vorbei
fährst du ein in die stadt mit den goldenen kuppeln

in der hauptstraße
im geruch von staub und streit
bist du noch fremd
aber rechts und links
wo die balkone dir geschichten
 von tiflis erzählen
fällt einmal
als du dich umdrehst
ein schatten auf deine gebete

und sie kehren zurück aus der fremde